Sänger Mitteldeutscher Opernhäuser   Günter Kurth  Oper Leipzig

Sergej Prokofjew  Der Spieler  Deutsche-Erstaufführung

 

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Szene im Spielcasino mit Günter Kurth als Alexej
© Foto: Helga Wallmüller

 

Seiteninhalt

Besetzung
Die Prokofjew-Oper
Im Gespräch: DER SPIELER in der Leipziger Inszenierung
 SLIDESHOW Szenenfotos
Nachtrag 2010 von Günter Kurth

 

Sergej Prokofjew: Der Spieler  [Игрок I Igrok]

Oper in zwei Akten
Text vom Komponisten nach dem gleichnamigen Roman von Fjodor Dostojewski
Deutsche Übersetzung von Gustav von Festenberg
Premiere: 15. Oktober 1972
Musikalische Leitung: Hans-Jörg Leipold
Inszenierung: Boris A. Pokrowski
Bühne: Valeri J. Lewental
Kostüme: Marina A. Sokolowa
Gewandhausorchester Leipzig und Chor der Oper Leipzig

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Günter Kurth als Alexej
© Foto: Helga Wallmüller

Alexej: Günter Kurth
General: Michael Ludwig
Pauline: Elisabeth Breul
Babulenka: Renate Härtel
Marquis: Walter Schmidt
Mr. Astley: Ekkehard Wlaschiha
Blanche: Ruth Asmus
Fürst Nilsky: Helmut Klotz
Baron Würmerhelm: Helmut Eyle
Baronin:
Renate Fude
Direktor: Paul Glahn
Erster Groupier: Hans-Peter Schwarzbach
Zweiter Groupier: Werner Atzrodt
Fetter Engländer: Klaus Buron
Langer Engländer: Walter Pietzsch

 

 

 

 

 

Die Prokofjew-Oper

1915 beschäftigte sich Sergej Prokofjew mit dem Roman „Игрок — Igrok“ von Dostojewski.
Zwei Jahre später vollendete er seine gleichnamige Oper. Allerdings war im Revolutionsjahr 1917 keinesfalls an eine Uraufführung der Oper zu denken. Die Uraufführung des überarbeiteten Bühnenwerkes fand schließlich am 29. April 1929 im Théâtre Royal de la Monnaie in Brüssel statt.

 

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Theaterzeitschrift der Leipziger Theater 3/1972

Im Gespräch: DER SPIELER in der Leipziger Inszenierung

Prof. Pokrowski:
Unsere russische Literatur ist jetzt in eine wesentliche Periode eingetreten, in der neue dramaturgische Strukturen entwickelt werden. Deshalb ist auch die Zeit der Rückbesinnung auf die Jugendwerke Prokofjews gekommen, und es wäre schlecht, dabei ein Werk zu vergessen, mit dem wir die moderne Richtung der russischen Oper begonnen haben. Das gleiche trifft auf Dostojewski zu, zu dem wir in vieler Hinsicht ein neues Verhältnis gewonnen haben. Er hat aufgehört, nur als Mystiker zu gelten. Diese beiden Komponenten haben mich gereizt, das Werk zu inszenieren, das uns heute noch sehr viel zu sagen hat.

Günter Kurth:
Musikalische Proben. Erste Bekanntschaft mit der musiktheatralischen Form dieses Meisterwerkes der Weltliteratur. Die nicht immer eingängige, ja spröde Musik erschließt sich nur langsam. Manches scheint konstruiert, zu kompliziert. Manchmal wieder blühen Melodiebögen auf, die man sich auf größere Passagen wünschte; aber sie brechen ab, werden von harten, ja bösartig klingenden Phrasen unterbrochen, verdrängt, aufgesaugt. Wie bekommt man dieses verschlüsselte Werk in den Griff?
Erste Probe. Wir in Leipzig sind im Allgemeinen intensive Darsteller.
Manche tun manchmal mehr, als es die Regie will. Auch ich. Pokrowski will erst einmal, dass der Darsteller gar nichts „will“. Er provoziert Passivität.
„Für die folgende Szene zahlt Ihnen der Intendant Ihre Gage fürs Nichtstun. Keine Bewegung! Langeweile!“ So also spiele ich intensiv Langeweile.
„Machen Sie gar nichts, weniger als nichts!“
(Was das bloß soll, das kommt doch nicht über die Rampe! Also meinetwegen.)
Ihm ist nichts entgangen. Mir ist neu, was er verlangt. Ich begreife: Es ist ein konsequentes Verlangen, werkbedingt, keine Stilübung.

 

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Fotomontage von Günter Kurth mit zwei Rollenfotos als Alexej
© Foto: Helga Wallmüller

 

Prof. Pokrowski:
Da die Oper sowohl an den Regisseur wie an die Interpreten besondere Anforderungen stellt, war die Arbeit nicht immer unkompliziert. Heute habe ich den Eindruck, dass wir uns gegenseitig gut verstanden haben. Meine Konzeptionsabsicht ist es, eben jene Menschen zu zeigen, die fähig wären, die Geschichte zu bewegen, aber in Zufälligkeiten untergehen. Ich hebe durch bestimmte Akzente wichtige Elemente der einzelnen Szenen heraus und betone parallel verlaufende Handlungen, Ungeachtet der emotionalen Anspannung der Figur ergibt sich daraus auch deren Statik. Das bedingt eine besondere Spielweise, die, wie ich glaube, die Künstler gut bewältigt haben.

Günter Kurth:
Die Premiere. Erregende Interpretation, großer Erfolg.
Hoffnung: Die Eroberung des Publikums hält an. Es wird viel diskutiert.
Das Lob Prof. Pokrowskis ist sparsam. Vor dem Vorhang umarmt er seine Darsteller. Manche mögen das pathetisch finden. Für den zurückhaltenden Mann, der so viel verlangte, so hart und unerbittlich auf der Probe war, ist es ein Zeichen echter Zuneigung und menschlicher Wärme. Es war nie über Freundschaft gesprochen worden. Sie wurde demonstriert.

Prof. Pokrowski:
Wir sprechen zum mitschöpferischen Zuschauer. Er wird im aktiven Zuhören und aktiven Beteiligtsein am Kunstwerk sein besonderes Vergnügen haben. Hier gibt es Charaktere, die uns nicht nur zwingen, mitzufühlen, sondern auch über sie nachzudenken.
An die Kunst ergeht heute mehr denn je auch vom Zuschauer die Forderung, Emotionales mit Rationalem zu verbinden.

Leipziger Theater – Interview Information Inszenierung – 3/72

 

Szenenfotos

SLIDESHOW: Szenenfotos von der Deutschen Erstaufführung
© Fotos: Helga Wallmüller

 

Nachtrag 2010 von Günter Kurth

Es ist nötig, nahezu 35 Jahre nach der Inszenierung von Prokofjews „Spieler“, einige Anmerkungen zu machen:

Damals löste die Aufführung dieses Werkes, das als „modernistisch“ und schwer spielbar bezeichnet wurde, heftige Diskussionen aus, Kritik und Begeisterung standen gegeneinander.
Die Beschäftigung mit dem Werk fiel in eine Zeit, in der das Dogma des „sozialistischen Realismus“ noch weitgehend Gültigkeit hatte und jede „Abweichung“ misstrauisch beobachtet und als dem Sozialismus feindlich gebrandmarkt wurde.
Einer solchen Situation musste sich auch ein begnadeter Künstler wie der Chefregisseur des Moskauer Bolschoi Theaters stellen. Er hatte die Folgen stalinistischer Kulturpolitik immer wieder zu spüren bekommen und musste sich selbst hier, weit ab von Moskau, bei grundsätzlichen ästhetischen Fragen sehr vorsichtig positionieren.
Dass er trotzdem in Leipzig ein in seiner Heimat lange verfemtes Werk herausbringen konnte, war den besonderen örtlichen Gegebenheiten gedankt.
Im Theater der DDR hatte eine allmähliche Ablösung von der offiziellen Parteilinie stattgefunden, an der der viel und oft geschmähte Leipziger Generalintendant Karl Kayser tätigen Anteil nahm und die er mit „Bauernschläue“ zu betreiben vermochte.
Ich vermute, dass ihn das Theater seines genialen Operndirektors Joachim Herz davon überzeugt hatte, dass Realismus in der Kunst ein sehr weit gefasster Begriff war und mit der dogmatischen Enge des stalinistischen Realismus-Begriffs nichts zu tun hatte.
Wann und wie sich Pokrowski, Herz und Kayser trafen, darüber ist nicht zu spekulieren. Aber: einer Meinung in ästhetischen Fragen müssen sie wohl gewesen sein. Sonst wäre der „Spieler“ nicht aufgeführt worden.

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Szene mit Günter Kurth als Alexej
© Foto: Helga Wallmüller

Noch andere Personen waren beteiligt, wenn es ums Erproben neuer ästhetischer Positionen ging.
Da ist zuerst der Moskauer Bühnenbildner Valeri Lewental zu nennen, ein Raumgestalter, der alle seinerzeit so beliebten Naturalismen in seinen künstlerischen Erfindungen eliminierte und Bühnenräume von einmaliger szenischer Bildhaftigkeit schuf.
Da ist auch der Dirigent Hans-Jörg Leipold, der mit selbstlosem Dienst am Werk, exakter Zeichengebung, subtiler Musikalität und seinem Wissen um die Erfordernisse des Musiktheaters diese Produktion mit zum Erfolg führte – und nicht zuletzt der Leipziger Opernchor unter seinem Chordirektor Andreas Pieske, in idealer Weise herangebildet zur Verkörperung des musikalischen Dramas.
Es war aber auch eine Zeit, in der das Theater in aller Munde war und eine Fülle großer Theaterereignisse aufeinander folgten. In der Ära Herz war Kontinuität über viele Jahre entstanden, und auch Pokrowski ist immer wieder nach Leipzig zurückgekehrt und das Opernhaus ist ihm eine zweite künstlerische Heimat geworden.
Hier konnte er erproben, was er später in dem von ihm gegründeten und weltweit umjubelten „Moskauer Kammer-Musiktheater“ realisierte.

Günter Kurth

Dank

Für die Genehmigung zur Verwendung der Fotos bedanken wir uns bei den Leipziger Theaterfotografen, Helga Wallmüller und Andreas Birkigt.
Für die Fachberatung geht unser Dank an den langjährigen Leipziger Operndramaturgen Lothar Wittke.

 

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