Die Ära Horst Neumann [X]
Chronik des Leipziger Rundfunkchores
von Rüdiger Koch

Horst Neumann
Foto aus der Rundfunk-Jahresübersicht „Konzert-Report 1984/1985
Dokument: Archiv des Leipziger Rundfunkchores
Ära Neumann: Bilanz positiv [X-11]
Im Zusammenhang mit der „Ära Horst Neumann“ muss hier noch einmal darauf hingewiesen werden, dass Neumann einen wesentlichen Anteil am Erfolg des Rundfunkchores Leipzig bei den Schallplatten-Co-Produktionen hatte.

Horst Neumann und Karl Böhm während der „Fidelio“-Aufnahme mit der Staatskapelle Dresden, 1969
Foto: Archiv des Leipziger Rundfunkchores – Werner Säubert
Neumann gewann das Vertrauen der Dirigentenstars von Karajan bis zu Karl Böhm und Giuseppe Patané. Zu letzterem entwickelten sich sogar freundschaftliche Beziehungen.
Es wird berichtet, dass sich Karajan vor DDR-Gastspielen Neumanns Rat einholte und sich Böhm, Giulini, Patané, Kleiber sowie Sawallisch für Schallplattenproduktionen mit Chorbeteiligung vertraglich versichern ließen, dass Neumann dessen Einstudierung übernehme.
Bei den Aufnahmen selbst war der Chorleiter meist so nah wie möglich bei Chor, Orchester und Dirigent.
Die jeweiligen Takes am Mischpult zu beurteilen, überließ er lieber dem Tonmeister. Diese Nähe ermöglichte es ihm, schnell korrigierend einzugreifen, zwischen der musikalischen Sprache von Chor und Dirigent zu vermitteln, die Arbeitsweise des jeweiligen Dirigenten zu studieren – und dadurch für die eigene Arbeit als Dirigent zu lernen.
Rivalen
Obwohl auch Horst Neumann von der Leistungsfähigkeit und dem internationalen Renommee des Leipziger Rundfunkchores profitierte und viel von den Gastdirigenten und insbesondere auch von Chefdirigent Herbert Kegel gelernt hatte – seine persönliche künstlerische Bilanz also durchaus als positiv zu bewerten ist – müssen die Jahre als Chorleiter dennoch mit einigen Frustrationen verbunden gewesen sein:
Zwar wusste Kegel, dass er sich auf die Choreinstudierungen Neumanns verlassen konnte, wollte aber seinen Einfluss auf den Chor und seinen Anteil an dessen Erfolgen für sich gewahrt wissen.
So berichtet Fritz Hennenberg, von 1964 bis 1979 Konzertdramaturg des Rundfunk-Sinfonieorchesters und des Rundfunkchores Leipzig:
Es entstand „… zu Kegels Zeiten eine gewisse Rivalität zwischen den beiden. Zwar wurde Neumann von Kegel Anfang der Siebziger die Leitung des Rundfunk-Kammerorchesters übertragen; aber wenn westliche Auslandstourneen anstanden, musste Neumann zurücktreten. Wenn hingegen das ungeliebte Bulgarien mit Auftritten in Plovdiv und Russe auf dem Plan stand, ließ Kegel ihm gern den Vortritt, sogar mit dem Rundfunk- Sinfonieorchester.
Als bei Konzerten mit Kegel und Chorbeteiligung verschiedentlich Neumann für die Einstudierung hervorgehoben wurde und damit sogar den Dirigenten zu überstrahlen drohte, erhielt ich von Kegel die Anweisung, ihn, Kegel, auch bei der Choreinstudierung zu verzeichnen.“

Programmheft-Auschnitte des letzten Konzertes Horst Neumanns als Chorchef, bevor er auch das Amt des Chefdirigenten des Großen Rundfunkorchesters Leipzig übernahm.
Dokument: Chortagebuch des Leipziger Rundfunkchores – Chorarchiv
Ausschnitte aus dem Sonderkonzert „Zauber der Musik“
Carl Maria von Weber: Preciosa, op. 78, J 279
Schauspielmusik für Sopran, Chor und Orchester
Textdichter: Pius Alexander Wolff (1782 – 1828)
Literarische Vorlage: Miguel de Cervantes
Preis der Schönen Marsch und Chor
Im Wald, im frischen grünen Wald Chor der Zigeuner
Einsam bin ich, nicht alleine Lied der Preciosa
Preciosa: Dorothea Kögelmann, Chorsolistin
Die Sonn‘ erwacht mit ihrer Pracht Chor der Zigeuner
Spanische Nationaltänze
Es blinkten so lustig die Sterne Chor
Webers Schauspielmusik zu „Preciosa“ steht selten auf dem Spielplan des Mitteldeutschen Rundfunks:
1926 erstmals von Alfred Szendrei im Radio aufgeführt, erklang es erst zehn Jahre später wieder unter der Leitung des Rundfunkdirigenten Curt Kretzschmar und in dieser Einspielung 1977 durch Horst Neumann.
Ludwig van Beethoven: Meeresstille und glückliche Fahrt, op. 112
Kantate für gemischten Chor und Orchester
Textdichter: Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)
Rundfunkchor Leipzig
Rundfunk-Orchester Leipzig
Dirigent: Horst Neumann
Aufnahmeleitung: Erich Götze
Toningenieur: Horst Glatzel
Aufnahme: Sonderkonzert „Zauber der Musik“
Konzert vom 12. Juli 1977 in der Kongresshalle Leipzig
Was der Rundfunkchor Leipzig zwischen der Mitte der 1960er Jahre und etwa 1978 geleistet hat, lässt sich schwer zusammenfassen: Zu unterschiedlich waren die Aufgaben im Rundfunk, bei der Schallplatte, im Fernsehen und auf Reisen, zu verschieden die Genres der Chorsinfonik, des A-cappella-Gesanges, der konzertanten Oper und Operette, zu zahlreich die Dirigenten und Orchester.
Zweierlei steht jedoch fest. Ohne die persönliche Aufopferungsbereitschaft der Chormitglieder, der Chorvertreter sowie ohne einen Dirigenten, auf den sich der Chor verlassen konnte, wären die vielfältigen Aufgaben nicht in der hohen Qualität zu leisten gewesen, wie sie durch die Rundfunk- und Schallplattenaufnahmen festgehalten wurden.
Rückblick auf die Ära Neumann von Musikredakteur Dr. Michael Oehme
MDR KULTUR Chor Magazin (Ausschnitt)
Moderation: Claus Fischer
Studiogast: Dr. Michael Oehme, Musikredakteur
Musikausschnitt: Carl Maria von Weber – „Der Freischütz“ 1973
Solisten: Peter Schreier Max · Siegfried Vogel Kuno · Theo Adam, Kaspar
Staatskapelle Dresden
Rundfunkchor Leipzig · Choreinstudierung: Horst Neumann
Dirigent: Carlos Kleiber
Sendung: MDR KULTUR vom 1. September 2013
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→ X-06 | Aufnahmen für den Rundfunk und die Schallplatte |
→ X-07 | Neue Möglichkeiten für Horst Neumann |
→ X-08 | Endlich wieder auf Reisen: Paris, ČSSR, Wrocław, Italien |
→ X-09 | So nah – so fern: in Westberlin und Bulgarien |
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