Der Rundfunkchor des Mitteldeutschen Rundfunks

Jahresübersicht

 

1924

Am 14. Dezember 1924 singt mit der Leipziger Oratorienvereinigung der erste Leipziger Rundfunkchor im Sender MIRAG.
Unter der Leitung von Alfred Szendrei, dem musikalischen Direktor des Senders, erklingt gemeinsam mit dem Leipziger Sinfonieorchester Haydns „Schöpfung“.
Hierzu Szendrei in seinen Erinnerungen:
„Ich habe mir einen ständigen Chor von 32 Sängern zusammengestellt, alle Mitglieder des Gewandhauschores, mit ausgezeichneten Stimmen und alle perfekte Blattleser. Mit nur 1-2 Klavierproben und einer Generalprobe konnte ich mit diesem Chor einwandfreie künstlerische Leistungen erzielen. Ich habe den Chor zu ‚funkischem’ Singen trainiert, d. h. den Sängern diejenigen Stärkegrade beigebracht, welche die damalige Mikrophontechnik erlaubt hat. Außerdem sind mehrere Mikrophone so aufgestellt worden, daß die vier verschiedenen Chorgruppen sich klar voneinander abhoben und keinen dicken Brei in der Sendung ergaben.“

1926

Der Rundfunkchor Leipzig 1928-1930 mit Musikchef Alfred Szendrei vor der "Alten Handlebörse", aus der die Übertragungen stattfanden. Foto: MDR ChorarchivDas erste Foto der Leipziger Oratorienvereinigung vom 1. Mai 1926 zeigt den Chor in einer Stärke von knapp 60 Mitgliedern.
Bis 1931 singt die Leipziger Oratorienvereinigung jährlich in 15 bis 20 Oratorien- und Opernübertragungen unter Szendreis Leitung.
Hans Pfitzner dirigiert seine Oper „Das Christelflein“

1929

Am 6. Mai wirkt der Chor in der ersten Rundfunk-Übertragung von Arnold Schönbergs „Gurre-Liedern“ mit.
Alfred Szendrei schreibt hierüber:
„Ich lud dazu Schönberg ein, und in Erwartung seiner Anwesenheit habe ich ausgezeichnete Solisten herangezogen…
Mein Orchester wurde auf 100 Mann verstärkt, die halsbrecherisch schwierigen Chöre wurden von der Leipziger Singakademie, dem Leipziger Männerchor und der Leipziger Oratorienvereinigung bestritten: es war ein imposanter Chorkörper von mehr als 450 Sängern. Das Podium war zu klein, um solche Massen unterzubringen, und es musste eine Anzahl Logen im Zuschauerraum dafür herangezogen werden. Die Aufführung war ein großer Erfolg sowohl für Schönberg wie für mich. Wir beide wurden sehr gefeiert, sogar die Presse war einstimmig im Lob, ein Umstand, der sich in Leipzig nur selten ereignete. Obwohl die Funkübertragung einer solchen Massenaufführung ziemlich problematisch und riskant war, haben dennoch der Deutschland-Sender und die meisten anderen Sender die Aufführung übernommen. Wider Erwarten liefen in den nächsten Tagen eine Menge guter Urteile über den akustischen Teil der Übertragung bei uns ein.“

1931

Alfred Szendrei wird von nationalsozialistischen Kräften aus dem Amt des Musikalischen Direktors der MIRAG gedrängt.
Die Leipziger Oratorienvereinigung wandelt sich in den deutlich kleineren Leipziger Solistenchor, der im Programm der MIRAG eher das „leichtere“ Repertoire bedient.
Am Pult des Leipziger Solistenchores stehen neben Hans Weisbach, Theodor Blumer und Willy Steffen auch Friedbert Sammler und Heinrich Werlé.

1934

Ab Juli nennt sich der Rundfunkchor „Kammerchor des Reichssenders Leipzig“, Ende des Jahres 1934 dann „Chor des Reichssenders Leipzig“.

1935

Der Reichssender Leipzig stellt Curt Kretzschmar als „Kapellmeister, Chorleiter und musikalischer Sachbearbeiter“ ein.
Am 1. Oktober erhalten die Leipziger Rundfunk-Chorsänger erstmals feste Verträge.
Der Chor hat etwas 32 Mitglieder.
Hans Weisbach führt Wagners „Ring“ auf. Der Chor wirkt in der „Götterdämmerung“ mit.

1937

Die Aufnahme der Arie der Marie aus der Oper „Die Regimentstochter“ von Donizetti mit Irma Beilke und dem Leipziger Sinfonieorchester unter Curt Kretzschmar vom 1. März 1937 stellt die erste erhalten gebliebene Aufnahme mit dem Chor des Reichssenders Leipzig dar.
Am 12. Juni findet erstmals eine A-cappella-Produktion mit deutschen Volksliedern statt.

1938

Zwischen November 1937 und April 1938 werden „Rienzi“, „Der fliegende Holländer“, „Tannhäuser“, „Lohengrin“, „Tristan und Isolde“ sowie „Parsifal“ unter Beteiligung des Chores des Reichssenders Leipzig aufgeführt.

1941

Der Chor des Reichssenders Leipzig wird kriegsbedingt zum Münchner Sender „abgeordnet“.

1942

Am 15. September löst Rundfunk-Reichsintendant Glasmeier alle deutschen Rundfunkchöre auf.
Gleichzeitig wird verfügt, einen Reichs-Bruckner-Chor aufzubauen, der im Stift St. Florian bei Linz zusammen mit dem Reich-Bruckner-Orchester tätig sein soll. Etwa die Hälfte der ehemaligen Leipziger Rundfunk-Chorsänger wird in den Bruckner-Chor engagiert.
Thomaskantor Günther Ramin baut diesen Chor in Leipzig auf.

1944

Der Bruckner-Chor wird nach Linz verlegt und arbeitet dort unter Leitung von Johannes Rietz und später unter Prof. Dr. Michael Schneider und dem Chormitglied Walter Kretschmar bis über das Kriegsende hinaus weiter.
Der in Linz verbliebene Teil von 34 Chormitgliedern siedelt im Herbst 1945 nach Korntal bei Stuttgart über und hofft, dort als Chor eines neu zu gründenden Stuttgarter Senders übernommen zu werden.