Nov 082024
 

 

Radioempfang aus der Steckdose?

Das Kraftwerk Rositz der Altenburger Land-Kraftwerke AG mit seinem Direktor Hermann Zetsche
In diesem Kraftwergsgebäude war die Sendeanlage des sogenannten Elektrizitätswerk-Rundfunk »E.-W.-Funk« untergebracht.

 

 

Günter Sonne

Vor 100 Jahren: Rundfunk aus der Steckdose

Am 1. März 1924 ging der Sender der Mitteldeutschen Rundfunk-A.-G., kurz MIRAG, in Betrieb. Dessen Feierlichkeiten zum hundertjährigen Jubiläum sind gerade vorbei, da steht schon das nächste Rundfunk-Jubiläum ins Haus.

Die Aufnahme-Studios der MIRAG befanden sich in der dritten Etage des Leipziger Messamts am Markt, in der historischen Alten Waage. Es lag nahe, daß der Volksmund den Sender »Meßamtssender« taufte. Die Sendeanlagen waren im Johannishospital installiert und verfügten anfangs nur über eine Leistung von 0,25 Kilowatt (kW). Es ist deshalb leicht zu verstehen, daß der Empfang mittels Antenne auf den städtischen Bereich begrenzt war.

In den USA liefen schon damals interessante Experimente, nämlich vorhandene Hochspannungs-Freileitungen der Stromversorger für die interne Kommunikation nutzbar zu machen.
Für den Betrieb der Stromnetze, also für Schaltgespräche, Schaltkommandos und so weiter, ist eine stabile innerbetriebliche Kommunikation der Stromversorger untereinander unerläßlich.

Der deutschen Telefunken AG gelang es 1923/24, ein besonders hochwertiges System zu entwickeln, mit dem sogar Musik übertragen werden konnte.
Auf Anregung des damaligen Rundfunk-Staatssekretärs Hans Bredow und des Physikers Prinz Reuß entwickelte sich der Gedanke, über Stromleitungen auch das neue Medium Radio anzubieten.

Findige Ingenieure der Telefunken AG und Mitarbeiter der Altenburger Land-Kraftwerke AG mit ihrem Direktor Hermann Zetsche an der Spitze griffen die außergewöhnliche Idee auf und starteten den Versuch, einen Elektrizitäts- Werk-Rundfunk, kurz: den E.-W.-Rundfunk ins Leben zu rufen. Statt per Antenne und mit Kristalldetektor sollte der Rundfunk über die Leitungen der örtlichen Stromversorgung bis in die Steckdosen der Haushalte gelangen.

Das »bespielte« 22-kV-Freileitungsnetz der Altenburger Land-Kraftwerke

Das nahe an Altenburg/Rositz vorbeiführende Berlin-Münchner Fernsprechkabel wurde angezapft und ein Abzweig zum Kraftwerk Rositz verlegt.
Über dieses Fernsprechkabel wurde eine separate Fernsprechverbindung von Leipzig nach Rositz zum Kraftwerk geschaltet und mit dem MIRAG-Signal belegt.

Ein 1,5 kW-Telefunkensender speiste im Kraftwerk über Hochspannungs-Kondensatoren das Radio-Signal mit einer Trägerfrequenz von 50 Kilohertz (kHz) in das weitverzweigte ländliche Mittelspannungsnetz ein.

Das Signal hatte eine Reichweite von etwa 50 Kilometern, durchlief auch die Transformatoren und gelangte über die Niederspannungs-Freileitungen in die Wohnungen.

Vor hundert Jahren, am 23. Oktober 1924, war »großer Bahnhof« im Kraftwerk Rositz:
Im Beisein von Vertretern der Reichspost, der großen Stromversorger Deutschlands (Überlandwerke) und der Presse ging der E.-W.-Funk in Betrieb.

 

E.-W.-Funk, einmalig in Europa!
Rundfunk aus der Steckdose!

Das war die sensationelle Schlagzeile des Tages!
Die Sendungen der MIRAG, also Nachrichten, Musik zur Unterhaltung und nicht zuletzt das Zeitsignal, waren ab sofort im Altenburger Land zu hören.
Die angesprochenen Themen waren überaus breit gefächert: Schon damals stand dem Sender das Leipziger Sinfonieorchester, heute das älteste Radioorchester Deutschlands, mit Chor zur Verfügung.
Für zweihundertfünfzig Interessenten kam das MIRAG-Programm wie durch ein Wunder über einen kleinen E.-W.-Funk-Empfänger mit Stecker für die normale Steckdose in der »guten Stube« an.
Der Bau von Antennen war überflüssig geworden.

 

Elektrizitätswerk-Funk-Empfänger mit Polytektor, hier ausgestattet mit Steckbuchsen für drei Kopfhörer.
Die Radiosendungen waren anfangs nur mit Kopfhörer, erst später auch über Lautsprecher zu hören.
Fotos: Hagen Pfau

 

1,50 RM

Der Empfänger wurde für 1,50 Reichsmark monatlich den Hörern vom E-Werk zur Verfügung gestellt. Für die Telegrafen- Postgebühren mußten zusätzlich zwei Mark gezahlt werden.

In den Anfangstagen des Rundfunks benötigten die Empfangsgeräte zur Senderauswahl einen Kristall-Detektor. Der Empfang gelang nur, wenn der Sender mittels einer sehr feinen, beweglichen Nadel auf einer bestimmten Stelle auf einem Kristallsplitter (Pyrit, Bleiglanz oder ähnliches) gefunden worden war.

Der Polytektor für Elektrizitätswerk-Funk stellte gegenüber dem vorangegangenen Kristall-Detektor in Hinblick auf Herstellung optimaler Senderverbindungen einen enormen Fortschritt dar.

Beim E.-W.-Funkdetektor hingegen war dies alles nicht mehr notwendig, alles war vorab fest eingestellt.
Der Polytektor ermöglichte das gemeinsame Radiohören für drei Familienangehörige.
Die Sendungen waren anfangs nur mit Kopfhörer, später auch über Lautsprecher zu hören. Sehr zum Leidwesen aller Beteiligten funktionierte der E.-W.-Rundfunk in den Städten Altenburg und Meuselwitz nicht.
In beiden Städten erfolgt die Stromversorgung über Erdkabel. Wegen der hohen Signal-Dämpfung in den Kabelleitungen war die MIRAG hier nicht zu hören.
Demzufolge kam die Hörerschaft größtenteils nur aus dünn besiedelten, oft auch wirtschaftlich schwach entwickelten ländlichen Gebieten. Leider hatten die Hörer auch keine Möglichkeit, andere Sender als die MIRAG auszuwählen.
Diese Einschränkungen und vermutlich der hohe Preis hemmten eine weitere zügige Verbreitung des E.-W.-Rundfunks im Altenburger Land.

Der Hörgenuß soll in Rositz und Lucka aber »glänzend« gewesen sein, ohne atmosphärische Störungen von außen, wie sonst bei einem schwachen Empfangssignal über Antenne üblich.
Allerdings, besonders wenn es regnete, störten die knackenden Geräusche der Teilentladungen und abfließenden Kriechströme über die Freileitungs-Hochspannungsisolatoren die Empfangsqualität. Auch abends, zur Hauptsendezeit, dämpften eingeschaltete Stromverbraucher (Glühlampen) die Empfangsleistung.

 

Bald Funkstille …

Die Reichweiten der Senderanstalten dagegen vergrößerten sich rasch. Über Antennen war es bald möglich, mehrere Sender zu empfangen. Der technische Fortschritt verbesserte den Radioempfang mittels Antennen in schnellem Tempo.
Die MIRAG hatte sich am 17. Juni 1926 in Leipzig mit einem 4-kW-Sender aufgerüstet und war jetzt im Rositz-Altenburger Land billiger über Antenne zu empfangen.

Dem Rositzer E.-W.-Rundfunk, der bis heute eine europäische Besonderheit ist, war nur eine zweijährige Betriebszeit vergönnt. Schon am 1. November 1926 herrschte »Funkstille« in der Steckdose.

Günter Sonne, 2024

Erstveröffentlichung in den „Leipziger Blättern“ Nr. 85, Herbstausgabe 2024
Dank an Hagen Pfau und seinen »Radio-Salon Leipzig«