Ausgerechnet das ‚Hohe D‘ reißt ab …

Verschollene Rundfunkaufnahme mit Joseph Schmidt wiederentdeckt

 

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Joseph Schmidt während der ersten Rundfunkübertragung im Sendesaal der „Vereeniging van Arbeiders Radio Amateurs VARA“ Hilversum am 14.Mai 1932. Der Dirigent ist Hugo de Groot.
© Foto: Joseph Schmidt Archiv

 

„Spielzeit überschritten!“

Ganze Arbeit leisteten die Nationalsozialisten bei der Säuberung der Rundfunkarchive.
Jüdische Künstler, sogenannte „entarte Musik“ und anderweitig Unliebsames wurde aus den Regalen geräumt und gründlichst entsorgt. Von den zahlreichen Mitschnitten der Radiokonzerte des Publikumslieblings Joseph Schmidt ist so gut wie nichts erhalten geblieben.

Joseph Schmidt auf der Titelseite der Berliner Rundfunkzeitschrift „FunkStunde“ vom November 1929
Foto: Sammlung TRIANGEL

Doch Zufälle gibt es immer wieder, wie jetzt das Auftauchen einer so genannten „Versuchsaufnahme“ der Funkstunde Berlin belegt:
Joseph Schmidt singt die Arie des Chapelau aus Adolphe Adams Oper „Der Postillion von Lonjumeau“. Eine der Paradenummern des Sängers, nicht zuletzt auch wegen des berühmt-berüchtigten „Hohen D“ in der 3. Strophe.

Am 7. Januar 1932 wurden Teile einer Übertragung aus dem Sendesaal des Berliner Funkhauses mitgeschnitten. Insgesamt 4 Seiten, also rund 18 Minuten Musik wurden aufgezeichnet, beginnend mit Laufnummer 201.0701 – der jetzt aufgefundenen ersten Platte.
Geschnitten wurde mittels Rundfunk-Plattenschneidern auf einseitigen Wachsmatritzen von innen nach außen, das Plattenlabel gibt als Hinweis „Überlappt“, d.h. das Stück wurde auf der Folgeseite der nächste Matritze weitergeführt.
Nach rund 4:50 Sekunden – mitten auf dem „Hohen D“ – reißt die Aufnahme urplötzlich ab – „Spielzeit überschritten!“

So bedauerlich das einerseits ist – es reicht, um zu belegen, welch einzigartiger Künstler nur ein Jahr später aus Deutschland verjagt und ins Exil getrieben wurde. Und gleichzeitig lässt dieser Fund vielleicht auf weitere „Wunder“ hoffen.

Jens-Uwe Völmecke

 Die Versuchsaufnahme

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Das Plattenetikett der „Rundfunk-Versuchs-Aufnahme“ der Berliner Funk-Stunde AG Berlin

Rundfunkaufnahme: Berlin 7. Januar 1932 / Sendesaal
3228 BLN 201.0701 – 704
Der Postillion von Lonjumeau: Freunde vernehmet die Geschichte (mit Julius Kuthan, Tenor und Chor) / O, allerholdeste der Frauen (mit Violetta Schadow) / Gehenkt, gehenkt (mit Hans Erwin Hey und Franz Sauer)
Berliner Rundfunkchor und Orchester
Dirigent: Paul Breisach

Quelle: Sammlung Dr. Jens-Uwe Völmecke
Die Platte wurde ohne digitale Nachbearbeitung abgetastet.

 

 

Der Dirigent der Aufnahme

Paul Breisach (1896 – 1952)
Der gebürtige Österreicher studierte in Wien bei Heinrich Schenker. Von 1930 bis zu seiner Emigration wirkte er als Generalmusikdirektor der Deutschen Oper in Berlin. In den USA setzte er seine Karriere als Dirigent an der Metropolitan Opera in New York und danach an der San Francisco Opera bis zu seinem Tod fort. 

 

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Julius Kurthan
Foto: Yad Vashem

Der Tenor Julius Kuthan

Auch wenn der deutsch-jüdische Tenor Julius Kuthan (1882-1941) in der Partie des Marquis von Corcy auf der Rundfunkplatte nur wenige Sekunden zu hören ist, besitzt die Opernwelt jetzt damit das einzige, uns bislang bekannte, Tondokument von seiner Stimme.
Wir bedanken uns beim Deutschen Rundfunkarchiv Frankfurt DRA für diese wertvolle Information.
Kuthan wurde 1941 im Ghetto Lodz ermordet.

 

„Nummer 8“ …

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Die Ankündigung der Sendung in der Programmzeitschrift „FunkStunde“
© Dokument: Joseph Schmidt Archiv

„Nachdem sich in über 30 Jahren Arbeit für Joseph Schmidt nur bislang sieben der ursprünglich einmal an die hundert ‚Rundfunkplatten‘ von Joseph Schmidt wiederfinden liessen (davon vier Originale in Archivbestand), werden Sie sich wohl vorstellen können, welche Freude Ihr Fund in mir auslöste. „Heut‘ macht die Welt Sonntag für mich“ – um es musikalisch zu formulieren… VIELEN HERZLICHEN DANK“

Diese schöne Reaktion des Kurators des Schweizer Joseph Schmidt Archives mit wichtigen weiterführenden Informationen zum Wirken des Sängers, erreichte uns schon einen Tag nach der Freischaltung dieser Webseite.
Wir können damit dank der Hilfe aus der Schweiz nun auch mit dem Sendehinweis für den 7. Januar 1932 aus der Januar-Ausgabe der Rundfunkzeitschrift „Funkstunde“ aufwarten.
Wir bedanken uns herzlich bei dem Nachlassverwalter von Joseph Schmidt und Kurator des Joseph Schmidt Archives, Herrn Alfred Fassbind.

→  Nachweis aller vermissten sowie vorhandenen Rundfunkaufnahmen

 

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Die Ankündigung der Sendung in der Programmzeitschrift „FunkStunde“
© Dokument: Joseph Schmidt Archiv

 

 

Auf Spurensuche nach der Herkunft der Rundfunkplatte

Überraschungen birgt auch die Geschichte der Rundfunkplatte selbst:
Sie stammt von einem Uhrmachermeister, der in einem Uhrenwerk im thüringischen Weimar angestellt war.
Seine Tochter erzählt, dass er ein passionierter Rundfunkbastler und Tüftler gewesen sei und als Mitglied im ortsansässigen Funk-Amateurverein vielfach auch Radiogeräte und Grammophone selbst gebaut oder repariert hat.
Da ist es naheliegend, dass er durch seine berufliche Tätigkeit und die entsprechenden Funk-Kontakte auch Reperaturarbeiten für den Mitteldeutschen Rundfunksender Weimar übernommen hat, zumal präzise laufende Stopp- und Studiouhren zur Grundausstattung jedes Radiosenders gehören.
Das Weitere lässt sich nur noch mutmaßen: Möglicherweise könnte über persönliche Kontakte diese nach 1933 verfehmte Aufnahme in den Besitz des Radiobastlers gekommen sein, der sie bis zu seinem Lebensende wie einen kostbaren Schatz gehütet hat.

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Der Landessender Weimar im ehemaligen Gebäude der in den 1930er Jahren erbauten Friedrich-Nitzsche-Gedächtnishalle
Foto: Radiogeschichte Thüringens

Ein Blick in die Rundfunkgeschichte Thüringens lässt weitere mögliche Schlüsse zu:
Danach könnte die Platte aus dem Sende-Bestand des Breslauer Rundfunks stammen, denn dessen Archiv war wegen der heranrückenden Roten Armee 1945 nach Weimar in Sicherheit gebracht worden.
Als Lagerraum für die Platten hatte sich dort die halbfertige Nietzsche Gedächtnishalle dafür angeboten.

Der spätere „Sprecher der Unterhaltungsmusik“ beim Weimarer Rundfunk, Arthur Hermasch, erinnert sich noch genau an jede Einzelheit:
Dieser riesige Plattenfundus „war einer der Hauptgründe, warum man dann (1946) die Nietzsche-Gedächtnishalle für den Rundfunk auswählte“ und die erforderlichen Ein-, Um- und Erweiterungsbauten für den Weimarer Landessender vornahm.  

Mit der dann auch beim Landessender Weimar zunehmend verstärkten Hinwendung zur moderneren Tonbandtechnologie im Sendebetrieb verlor das Plattenarchiv immer mehr an Bedeutung und wurde für den Programmeinsatz entbehrlich. Es sprechen also mehrere Fakten dafür, dass die Joseph-Schmidt-Platte und die drei sich anschließenden Überlappungsplatten ursprünglich zum Programmaustausch-Bestand des Breslauer Rundfunkarchivs gehört haben könnten. (Steffen Lieberwirth)

 

Beitrag zum 100. Geburtstag von Joseph Schmidt

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Erschienen in der MDR Rundfunkzeitschrift
„TRIANGEL·Das Radio zum Lesen“
im Mai 2004

 

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Das musikalische Erbe von Joseph Schmidt

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  9 Responses to “Unbekannte Joseph Schmidt Rundfunkaufnahme 1932”

  1.  

    Nach 83 Jahren eine verloren geglaubte Aufnahme wiederzufinden ist eine grosse Entdeckung – nicht nur für das „Joseph Schmidt-Archiv“. Unzählige dieser Mitschnittplatten sind verschollen und so gibt Herrn Dr. Jens-Uwe Völmecke grossen Dank dass er dieses Dokument der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat.

    Alfred FASSBIND Kurator und Biograf http://www.josephschmidt-archiv.ch

  2.  

    Danke für das Lob! Wenn es schon eine Website wie diese gibt, dann ist die Aufnahme hier ausgezeichnet aufgehoben!

  3.  

    Einfach wunderbar!
    Herzlichen Dank an Herrn Dr. Jens-Uwe Völmecke für die Veröffentlichung dieser Aufnahme und auch vielen Dank an Herrn Alfred Fassbind für die Benachrichtigung über diese wiedergefundene Joseph Schmidt-Aufnahme und für seine schon jahrelange aufopfernde Tätigkeit gegen das Vergessen dieses Ausnahmetenors Joseph Schmidt aus Czernowitz mit seiner unnachahmlich schönen Stimme! Ich höre Joseph Schmidt sehr oft, immer wieder; er ist aus meinem musikalischen Leben bis heute nicht wegzudenken.

    Peter Röhner

  4.  

    Herzlichen Dank fuer diese verschollene Aufnahme.
    Obwohl er schon so lange her gestorben ist, wird er immer bei uns (seine Fans) sein und so ab und zu etwas neues hoeren lassen. Ein schoenes Geschenk …… So eine Stimme gibt es nur einmal, die Stimme gehoert Joseph Schmidt. Wie in seinem Buch gelesen: Ich liebe die, die meine Stimme lieben.

  5.  

    Thank you for sharing this treasure with us! We are very grateful!

  6.  

    What a wonderful find– a new recording of Schmidt the trill is first rate and the voice has never sounded fresher

  7.  

    Eine unglaublich schöne Stimme; leider ist Joseph Schmidt viel zu früh verstorben. Bedauerlicherweise gibt es nicht viele Tonaufnahmen von ihm.

  8.  

    Greetings! Very useful advice within this article!
    It’s the little changes that will make the most significant changes.

    Many thanks for sharing!

  9.  

    Vielen Dank an alle für eure Tipps!
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