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Die Chronik-Seiten der SEMPEROPER EDITION

Fritz Vogelstrom  Tenor – Königliche Hofoper Dresden

 

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Fritz Vogelstrom
(1882 in Herford – 1963 in Dresden)

 

1912 wurde der vormals am Mannheimer Nationaltheater engagierte Tenor Fritz Vogelstrom  durch den Dresdner Generalmusikdirektor Ernst Edler von Schuch als Erster Helden- und Wagner-Tenor an die Dresdner Hofoper verpflichtet.
An diesem Haus sang er 1913 vom Publikum hochverehrt den Siegfried in Wagners „Ring der Nibelungen“ und wirkte in den Premieren der Strauss-Opern „Ariadne auf Naxos“ und „Die Frau ohne Schatten“ mit.
Gastspiele führten den umjubelten Heldentenor in diesen Jahren an die Covent Garden Opera in London, die Hofopern in Wien und München sowie an das Deutsche Theater Prag.

Gegen Ende seiner Sängerlaufbahn hatte Fritz Vogelstrom zunehmend Ärger mit der Intendanz der Dresdner Oper. Die Gründe lagen in seinem Widerstand als „Sprecher der Sänger“ gegen Buschs Absicht, das Solistenensembles zu verjüngen. Da der Generalintendant Reucker Busch in seinem Vorhaben unterstützte, nahmen die persönlichen Spannungen und Verletzungen mehr und mehr zu.

Als Vogelstrom 1927 dann noch in Proben zur „Salome“ wegen seines „freien Umgangs mit dem Rhythmus“ von Richard Strauss kritisiert wurde, führte das 1928 unweigerlich zur Aufhebung seines Solistenvertrages durch den Vorstand der Staatsoper Dresden. Danach zog sich der Sänger ins Privatleben zurück, erteilte aber  noch Gesangsunterricht in Dresden.

Ein Jahr nach der Vertreibung von Fritz Busch aus Dresden durch die NSDAP am 7. März 1933 wurde Fritz Vogelstrom als „Wiedergutmachung“ der Titel „Ehrenmitglied“ der Sächsischen Staatsoper verliehen.

 

Rollen- und Szenenfotos

Slideshow:
Rollen- und Szenenfotos von Fritz Vogelstrom als:
– Siegfried, 1913 in Richard Wagners „Ring“
– Assad, 1916 in Karl Goldmarks „Die Königin von Saba“
– jüdischer Juwelier
Éléaza 1915 in Jaques Fromental Hàléys „Die Jüdin“ mit Eva Plaschke von der Osten
– Görg Friedner, 1924 in Kurt Strieglers „Hand und Herz“
– Florestan, 1927 in Ludwig van Beethovens „Fidelio“ mit Eugenie Burkhardt als Fidelio und Willy Bader als Rocco

 

Die „Causa Vogelstrom“

Während Proben zu „Salome“ ließ Richard Strauss verschiedene Äusserungen los, als der Sänger Fritz Vogelstrom etwas frei mit dem Rhythmus umging. So sagte Strauss zu ihm: „Bitte, keinen Ausdruck, nur genau Noten und Rhythmus, wie es hier steht!“…

Im Zuge einer darauf folgenden öffentlichen Diskussion um die künstlerische Zukunft Vogelstroms in der Dresdner Oper zog Strauss ohne Rücksprache mit Genralmusikdirektor Fritz Busch seine öffentlich geäußerte Kritik zurück und lobte Vogelstrom zudem noch, was in der Folge schließlich zu einer massiven Verstimmung zwischen den drei Künstlern führten musste.

Auslöser jenes Streits, der bis in den sächsischen Landtag hineingetragen wurde, war ein Schreiben von Richard Strauss an den Sänger folgenden Wortlauts:

„Lieber Herr Kammersänger!
Ich bedauere herzlich, dass Sie durch böswilligen Tratsch oder zumindesten durch ein Missverständnis unnötig beunruhigt worden sind, und beeile mich, Sie zu versichern, dass ich Ihre Wiedergabe des Herodes sowohl nach gesanglicher wie darstellerischer Seite hin stets als eine ausgezeichnete Leistung befunden und dankbar anerkannt habe.
Hoffentlich genügt Ihnen diese Anerkennung zur Zerstreuung ´unmöglicher Gerüchte, womit ich herzlich grüßend verbleibe
Ihr
stets in aufrichtiger Wertschätzung ganz ergebener
Dr. Richard Strauß“

Diesen Strauss-Brief ließ Vogelstrom in den Dresdner Zeitungen veröffentlichen und löste damit einen Eklat zwischen Richard Strauss und Fritz Busch aus.
Besonders verärgert war Busch darüber, dass die Abgeordneten der „Partei der Nationalsozialisten“ die „Personalpolitik der Generalintendanz“ massiv anprangerten.
Jenes völlig überflüssig eingetretene Spannungsverhältnis wird in einem Schreiben Fritz Buschs an Richard Strauss vom 17. September 1929 nacherlebbar:

Ich [Fritz Busch] muß Ihnen aber auch offen gestehen, dass ich lange Zeit gebraucht habe, um über die Situation hinwegzukommen, die höchst bedauerlicherweise durch Ihren Brief an Vogelstrom für mich entstanden ist. Sie werden sich gewiss erinnern, dass Sie mir und meinen Mitarbeitern gegenüber sowohl in der Beurteilung Vogelstroms wie anderer älterer Mitglieder unseres Ensembles eine Kritik geübt haben, die an Deutlichkeit und Schärfe nichts zu wünschen übrig liess. Ich konnte Ihrer Ansicht damals nur beipflichten und durfte annehmen, dass Sie zu einer Auswirkung Ihres Urteils stehen würden. Umso mehr, als Ihnen ja bekannt ist, dass es noch schwieriger ist, alte und abgesungene Mitglieder loszuwerden, als gute neue zu bekommen. Ich glaube nicht, dass Sie einverstanden gewesen wären, wenn ich den Kaiser und den Bacchus mit Herrn Vogelstrom besetzt und in der geplanten Neueinstudierung der „Salome“ den Herodes ihm weiter belassen hätte. Unter diesen Umständen war es durchaus unnötig, Vogelstrom, der ein ausgesprochener Querulant ist, zu antworten, da Sie sich sagen mussten, dass er diesen Brief bestimmt nicht für ein Archiv „Dokumente berühmter Zeitgenossen“ verwenden, sondern ihn in jeder Beziehung in der Oeffentlichkeit benutzen würde.
Zum mindesten hätte ich aber bei der Aufrichtigkeit einer Freundschaft, wie ich Sie Ihnen jedenfalls immer entgegengebracht habe – ganz abgesehen von der künstlerischen Wertschätzung – erwarten können, dass Sie mich vor Absendung dieses Briefes an Vogelstrom gefragt hätten, was eigentlich vorliege.
Mit Hilfe der besonders kunstsinnigen Partei der Nationalsozialisten
[Martin Mutschmann (1879-1947) war von 1925 bis 1945 Gauleiter von Sachsen] hat mir nun Vogelstrom eine sehr schwierige Situation bereitet, bei der Ihr Brief eine entscheidende Rolle spielte und es bedurfte meiner ganzen Autorität, um einen öffentlichen Skandal zu verhindern.
Bevormundungen in künstlerischen Angelegenheiten kann ich mir selbstverständlich von keiner Seite gefallen lasen. (…)

Mit Schreibmaschine geschriebener dreiseitiger Brief
von Fritz Busch aus Dresden an Richard Strauss in Garmisch-Partenkirchen vom 17. September 1929. Brüder-Busch-Archiv B 5813/1-2.

Steffen Lieberwirth

 

Grammophonaufnahmen

Fritz Vogelstrom „Am stillen Herd“ 1912

 

Vogelstrom-Am-stillen-Herd-for-webFritz Vogelstrom
mit Orchesterbegleitung
Dirigent: Friedrich Kark
[genannt auf der ursprünglichen Veröffentlichung unter der Nummer 2-374]

Schalltrichter-Aufnahme: Berlin 1912
Parlophon P.285 Spätere Veröffentlichung aus den 1920er Jahren
Der Künstler hat die Freigabe zur Veröffentlichung der Aufnahme durch seine Unterschrift im Aufnahmewachs dokumentiert. Auf dieser Abbildung gut zu sehen.
Collection: Jens Uwe Völmecke

 

 

Vergleichsaufnahmen

Fritz Vogelstrom in seiner Glanzrolle aus „Lohengrin“ im Abstand von 10 Jahren:

1912

 

Lohengrin-1912-for-webLohengrins Abschied
Aufnahme für die Firma „Parlophon“ aus dem Jahr 1912, dem Jahr als Vogelstrom vom Intendanten Ernst von Schuch von Mannheim weg nach Dresden engagiert wurde.

Das Plattenetikett bezeichnet ihn noch als
„Großherzoglich Badischen Hofopernsänger, Mannheim“
Collection: Jens Uwe Völmecke

 

 

 

1922

 

Lohengrin-Vogelstrom-1922-for-webLohengrins Abschied
Aufnahme für die Firma „Vox Schallplatten- und Sprechmaschinen – A.G.“, Berlin aus dem Jahr 1922, dem Jahr, als Busch sein Amt als Dresdner Generalmusidirektor antrat und bis zu Vogelstroms Vertragsauflösung 1928 mit dessen sängerischen Leistung zunehmend unzufrieden wurde.
Collection: Jens Uwe Völmecke

 

 

 

 

Stimmphysiologische Einschätzung der sängerischen Leistungen Vogelstroms

Schon in den ersten Takten, dann aber zunehmend, ist vergleichend zu hören, dass Vogelstrom 1922 den Glanz in der Stimme verloren hatte.
Die Mischung von Kopf- und Brustregister funktionierte 1922 nicht mehr. In den tieferen Lagen ist die ursprünglich mit dem nötigen Kopfklang angereicherte Stimmgebung noch zu ahnen. In den mittleren und hohen Lagen hingegen dominiert das pure Brustregister. Dadurch schließen die Stimmlippen nur noch mit Kraft, der Glanz und die Geschmeidigkeit gehen verloren. Hohe Töne wirken starr und sind wenig modulationsfähig. Der Hörer hat den Eindruck, jeder höhere Ton sei der letzte verfügbare. Dazu kommen als logische Konsequenz Intonationsprobleme.
In Abwandlung eines Zitats der Sängerin und Gesangspädagogin Prof. Eva Fleischer könnte man sagen, Vogelstrom sang 1912 mit den Zinsen, 1922 nur noch mit dem Kapital – und das ist dann natürlich irgendwann einmal aufgebraucht.
Die beiden Aufnahmen geben natürlich nicht wieder, wie die Stimme auf der Bühne geklungen hat. Es ist aber zu vermuten, dass Vogelstroms Stimme 1922 deutlich weniger durchschlagskräftig gewesen ist als 1912.
Über die Ursachen der Stimmveränderung kann nur spekuliert werden:
Hat er zu viel gesungen? Hat er Indispositionen übergangen?
1922 hätte sich der erst 40-jährige Sänger in seinem Fach durchaus noch auf dem Gipfel seiner Karriere befinden können.

Rüdiger Koch
Sänger im Leipziger Rundfunkchor

 

Link-Tipps

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