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Die 1980er Jahre

Eine neue Epoche für den Rundfunkchor [XVIII]

 

Chronik des Leipziger Rundfunkchores

von Rüdiger Koch

 

Generalprobe für die Aufführung der 8. Sinfonie von Gustav Mahler am 13. April 1987 im Schauspielhaus Berlin.
Unter der Leitung von Milan Horvat musizierten die Rundfunkchöre Leipzig und Berlin, der Rundfunk-Kinderchor Berlin und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin
Foto: Student der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, Negativ im Archiv des Leipziger Rundfunkchores

 

Bekannte Namen  XVIII-09

Neben den im Zusammenhang mit den Schallplattenaufnahmen der 1980er Jahre genannten Dirigenten stehen auch in den Konzerten des Leipziger Senders namhafte Künstler am Pult von Rundfunkchor und -Sinfonie-Orchester Leipzig.

 

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Daniel Nazareth
Gardiner – Theuring – Rögner – Lathan-König
Helmuth Rilling
Milan Horvat

 

Die Neunte in unterschiedlichen Interpretationen

Oft werden in den 1980er Jahren Gastdirigenten für die traditionelle Aufführung der Neunten kurz vor dem 1. Mai verpflichtet: 1982 der Japaner Ken-Ichiro Kobayashi, 1983 Oleg Caetani. Über die Interpretation des Markevitch-Sohnes schrieb Hellmut Döhnert in einer Rezension:
„So blieb auch an diesem Abend noch manches an Klangkultur und -balance auf der Strecke, wurden extreme Tempi angeschlagen (aus dem Scherzo wurde gar ein wahrer Geschwindmarsch), blieb der Gesamteindruck ungezügelter Emphase vorherrschend.“
Ende April 1985 dirigiert Hartmut Haenchen Beethovens 9. Sinfonie in der Kombination mit Schönbergs Ein Überlebender aus Warschau, wie es auch Kegel schon mehrfach praktiziert hatte.
Der Chor kannte Haenchen noch aus der Zeit seines Wirkens als Kapellmeister und Chorleiter an der Halleschen Philharmonie. 1972 heißt es im Journal der Chorkasse:
„27. 6., 1 Schallpl. u. Blumen für Chorleiter Haenchen, Halle .
Vermutlich hatte Hartmut Haenchen einen Teil des Chores zu einer Aufführung des Philharmonischen Chores aushilfsweise verpflichtet. Im 21. Jahrhundert wird sich dann die Zusammenarbeit mit Haenchen intensivieren.

 

Daniel Nazareth

Der Rundfunkchor Leipzig begegnet im September 1982 einem Dirigenten, mit dem er genau zehn Jahre später – dann als Chefdirigent des MDR Sinfonieorchesters – häufiger zusammenarbeiten wird. Es ist der Inder Daniel Nazareth. „Herr Nazareth fasziniert durch seine hervorragende Schlagtechnik und durch seine Emotionen“, heißt es im Chortagebuch. Allerdings dirigiert Nazareth mit den symphonischen Fragmenten aus Daphnis und Chloé von Ravel ein Werk, das er auch zu Beginn der 1990er Jahre häufig mit dem Leipziger Rundfunkchor aufführen wird.
Es hat den Anschein, als ob er dieses Werk besonders gut „konnte“ – und deshalb davon ausging, damit auch garantiert Eindruck erwecken zu können.

 

 

Hans Vonk

Im Mai 1983 machen die Herren des Rundfunkchores Leipzig die Bekanntschaft mit Hans Vonk, der von 1985 bis 1990 Chefdirigent von Staatskapelle und Staatsoper Dresden werden sollte.
Zur Eröffnung der Dresdner Musikfestspiele leitet Vonk am 21. und 22. Mai Aufführungen von Wagners Oratorium Das Liebesmahl der Apostel im Dresdner Kulturpalast.
Neben den Herren des Leipziger Rundfunkchores wirken auch die Männerchöre des Rundfunkchores Berlin, des Chores der Staatsoper Dresden und des Dresdner Sinfoniechores mit.
Die Kritik lobt, es war „dem Dirigenten gegeben, den großen Vokalkörper in energischem Zugriff mit dem Orchester zu einer machtvoll gesteigerten Apotheose zusammenzufassen, die dem Werk nicht nur historisches Interesse, sondern echte Erlebnisbereitschaft der Hörer eintrug. Ein Konzertauftakt, der, weil er ausgetretene Wege vermied, durchaus festspielwürdig war.“

 

 

Gardiner – Theuring – Rögner – Lathan-Koenig

Im Dezember 1984 dirigiert John Eliot Gardiner in einem Rundfunk-Anrechtskonzert das Stabat mater von Rossini. Die Zusammenarbeit ist nicht unproblematisch. Horst-Dieter Knorrn zitiert im Rechenschaftsbericht von 1986 den Dirigenten mit den Worten:
„Sie sind nicht so gut, wie sie glauben, sie sind zu schnell mit sich zufrieden!“
Dennoch schreibt Gardiner dem Chor ins Gästebuch, dass er sich immer an das „Paradisi“ erinnern wird – und lobt die Tenöre und Bässe. Der Wiener Günther Theuring dirigiert 1983 Haydns Nelsonmesse und 1987 dessen Thersienmesse von sowie den 23. Psalm von Alexander Zemlinsky. Heinz Rögner kommt gern an seine ehemalige Wirkungsstelle Leipzig zurück. Jan Lathan-Koenig dirigiert 1988 die Glagolitische Messe von Leoš Janáček und der Spanier Salvador Mas 1989 das Requiem von Fauré und Die Planeten von Holst.

 

Hörbeispiel
Rossini: Stabat mater

 

daraus: Quando corpus und Amen
Sandra Sandru, Sopran
Edith Simon, Mezzosopran
Mihai Zamfir, Tenor
Julian Jurja, Bass
Rundfunk-Sinfonieorchester Leipzig
Rundfunkchor Leipzig
(Einstudierung: Jörg-Peter Weigle)
Dirigent: John Eliot Gardiner
Live-Mitschnitt vom 4. Dezember 1984 im Neuen Gewandhaus Leipzig

 

 

Helmuth Rilling

Mit Helmuth Rilling, dem Leiter der Gächinger Kantorei, des Bach-Collegiums Stuttgart und der Internationalen Bachakademie Stuttgart, trifft der Leipziger Rundfunkchor erstmals im November1987 bei einer Aufführung aller sechs Kantaten des Weihnachtsoratoriums von Bach zusammen.

Das Weihnachtsoratorium erklingt als Abschluss und Höhepunkt eines von den Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten „J. S. Bach“, dem Rundfunk und der Leipziger Musikhochschule veranstalteten und von Rilling geleiteten Dirigentenseminars, in dem der Rundfunkchor als Seminarchor fungiert.

Die Chormitglieder sind beeindruckt von der Kompetenz des Dirigenten, der, alle sechs Kantaten auswendig dirigierend, mit absoluter Sicherheit dem Chor, dem Orchester, den Solisten und den Soloinstrumenten jeden Einsatz gibt – bis auf einen Einsatz im Schlusschor, der dann auch tatsächlich „wackelte“.

In der Mitte der 1990er Jahre sollte sich die Zusammenarbeit zwischen Helmuth Rilling und dem Rundfunkchor weiter vertiefen.

 

Interview mit Helmuth Rilling und Kritik des Konzertes aus der Leipziger Volkszeitung von Werner Wolf
Dokumente: Archiv des Leipziger Rundfunkchores

 

Milan Horvat

Die Solisten der Aufführung waren Magdaléna Hajóssyová, Sopran I, Dagmar Schellenberger, Sopran II, Daphne Evangelatos, Alt I, Birgit Finnilä, Alt II, Werner Hollweg, Tenor, Jürgen Kurth, Bariton und Helmut Berger-Tuna, Bass. Vor der Orgel war der Rundfunk-Kinderchor Berlin (Einstudierung Manfred Roost) positioniert, links davon der Rundfunkchor Leipzig (Einstudierung Gert Frischmuth) und rechts der Rundfunkchor Berlin (Einstudierung Dietrich Knothe)
Foto: Student der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, Negativ im Archiv des Leipziger Rundfunkchores

 

Beeindruckend für den Leipziger Rundfunkchor war im März 1987 das Zusammentreffen mit dem jugoslawischen Dirigenten Milan Horvat. Gemeinsam mit dem Rundfunkchor, dem Rundfunk-Kinderchor und dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin leitete er souverän eine glanzvolle Aufführung der 8. Sinfonie von Gustav Mahler im Schauspielhaus Berlin.

Ein Fotografie-Student der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst begleitete den Leipziger Rundfunkchor auf dieser Fahrt nach Berlin und erstellte für seine Abschlussarbeit eine Fotoserie vom Reise- und Probenalltag sowie vom Konzert selbst:

 

 


 

Kapitelübersicht

→ XVIII-01 Jörg-Peter Weigle – Vom Thomaner zum Chordirigenten
 → XVIII-02 Das Neue Gewandhaus: Lang ersehnt – endlich vollendet
 → XVIII-03 Und immer wieder: Peter Schreier
→ XVIII-04 Herbert Kegel und kein Ende
 → XVIII-05 Herbert Kegels Interpretationen der „Gurre-Lieder“ und des „War Requiems“
 → XVIII-06 Annäherungsversuch an den Menschen Herbert Kegel
 → XVIII-07 Der Schallplattenchor der 1980er Jahre
→ XVIII-08 Kurt Masur – Kaleidoskop einer langen Freundsachaft
Bekannte Namen

 


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